Ein Good-Practice-Hinweis für die Fachgemeinschaft der Katastrophenvorsorge.
Die Gruppe der Zivilschutz-Freiwilligen von Genzano di Roma ist eine Freiwilligenorganisation (OdV) der Gemeinde Genzano di Roma und Teil des Nationalen Zivilschutzdienstes Italiens. Wie bei den meisten örtlichen Zivilschutzgruppen liegt der Kern unserer Arbeit im Einsatz vor Ort: Vorbeugung, Überwachung und Unterstützung der Bevölkerung vor, während und nach Notlagen — Erdbeben, Überschwemmungen, Waldbrände und Unwetter.
Dieser Hinweis beschreibt etwas weniger Verbreitetes: die öffentliche Informationsplattform, die wir rund um diese Arbeit aufgebaut haben, und die Gestaltungsentscheidungen, die daraus ein übertragbares Modell machen und nicht nur eine Website.
Das Problem, das wir lösen wollten
Notfallinformationen erreichen meist gerade die Menschen, die sie am wenigsten brauchen, und verfehlen jene, die sie am dringendsten benötigen: ältere Menschen, Menschen mit Behinderungen, Menschen mit geringer Lesekompetenz, Personen ohne Italienischkenntnisse und alle, die unter Stress stehen. Wir behandeln Barrierefreiheit nicht als Häkchen zur Erfüllung von Vorschriften, sondern als Ausgangspunkt der Gestaltung — nach dem Grundsatz: Erreicht eine Botschaft nicht alle, so ist sie nicht wirklich veröffentlicht.
Wie die Praxis aussieht
Die Plattform ist eine statische, datenschutzfreundliche Website (keine Tracker, keine Cookies für Inhalte, keine eingebetteten Videos Dritter), bei der Barrierefreiheit in jeder Ebene verankert ist:
- Technische Barrierefreiheit — WCAG 2.2 AA. Semantisches HTML, Tastaturbedienung, sichtbarer Fokus, berechneter Farbkontrast und eine native Werkzeugleiste für Barrierefreiheit (Textgröße, Abstände, Paletten mit hohem Kontrast und invertierter Darstellung, legasthenikerfreundliche Schrift, reduzierte Bewegung). Auf kommerzielle Barrierefreiheits-Overlays verzichten wir bewusst, da das W3C-WAI und Behindertenverbände davon abraten.
- Vorlesefunktion überall. Eine browsereigene Vorlese-Schaltfläche (Web Speech API — kostenlos, ohne externen Dienst) auf jeder Inhaltsseite, dazu die geschätzte Lesedauer und automatische Silbentrennung, um den Eindruck einer „Textwüste" zu vermeiden.
- Kognitive Zugänglichkeit. In einfacher Sprache verfasste Leicht-zu-lesen-Fassungen wichtiger Inhalte, standardisierte Piktogramme (ISO 7010 Sicherheitszeichen + ARASAAC) sowie ein integriertes Glossar, das Abkürzungen bei der ersten Verwendung erläutert.
- Unterstützte Kommunikation (UK). Druckbare Kommunikationstafeln mit ARASAAC-Piktogrammen, damit eine Person, die in einer Notlage nicht sprechen kann — wegen einer Aphasie, einer kognitiven Behinderung, wegen Stress oder mangelnder Italienischkenntnisse — auf das zeigen kann, was sie braucht.
- Gebärdensprache. Ein Katalog von Inhalten in Italienischer Gebärdensprache (LIS).
- Blindenschrift. In unserer Build-Pipeline wird für jeden Nachrichtenartikel automatisch eine Braille-Datei (BRF) erzeugt (die quelloffene liblouis, italienische Brailletabelle), herunterladbar und für Braille-Drucker geeignet — ein echter Kanal zu blinden und sehbehinderten Leserinnen und Lesern, ergänzend zu Screenreadern.
- Sprachliche Zugänglichkeit. Grundlegende Notfallinformationen stehen in acht Sprachen zur Verfügung (Italienisch sowie Englisch, Französisch, Deutsch, Spanisch, Portugiesisch, Rumänisch und Esperanto), mit korrekter Behandlung von
lang/hreflang; Leicht-zu-lesen-Inhalte werden zusätzlich in weiteren Sprachen angeboten, darunter Arabisch.
Um diesen Kern der Barrierefreiheit herum liegen die Werkzeuge zur Vorsorge: Risikoseiten mit einheitlicher Gliederung vorher / während / danach, auf schutzbedürftige Gruppen zugeschnittene Notfallkits (ältere Menschen, Menschen mit Behinderungen, Säuglinge, Schwangerschaft, Haustiere, pflegende Angehörige, Menschen unter lebenserhaltender Therapie, Menschen ohne festen Wohnsitz, Zweitsprachlerinnen und Zweitsprachler), ein offline speicherbarer Familien-Notfallplan, Spiele und Quizze für Schulen (Benutzeroberfläche auf Italienisch), ein Live-Dashboard (Echtzeitdaten zu Seismik, Wetter, Luftqualität und Meer aus offiziellen Quellen wie INGV und Open-Meteo) sowie interaktive Scrollytelling-Dossiers zur örtlichen Risikogeschichte.
Standards und Quellen
Jede Aussage ist auf eine primäre institutionelle Quelle zurückführbar. Unsere Referenzhierarchie: an erster Stelle die Inhaltsleitlinien des italienischen Zivilschutz-Departements (DPC) und der AgID; dann die nationalen wissenschaftlichen Einrichtungen (CNR, ISPRA, INGV); die europäischen operativen Referenzen (EENA / die einheitliche Notrufnummer 112); und schließlich internationale Standards — WCAG 2.2 AA, ISO 22329 (soziale Medien in Notlagen) sowie humanitäre Referenzen wie Sphere und IFRC für die Kits für schutzbedürftige Gruppen. In Italien ist die einheitliche Notrufnummer die 112.
Warum sie übertragbar ist
Die gesamte Plattform läuft auf offener, kostengünstiger Standardtechnik: ein statischer Website-Generator, ein offenes Designsystem, browsereigene Programmierschnittstellen und quelloffene Werkzeuge (liblouis für Blindenschrift, ARASAAC-Piktogramme). Es gibt kein proprietäres CMS, keinen Laufzeitserver, keine Lizenzkosten, und das Hosting ist unkompliziert. Jede Kommune oder Freiwilligenorganisation kann das Modell nachbilden — die eigentliche Herausforderung ist nicht die Technik, sondern die redaktionelle Disziplin, Barrierefreiheit als grundlegende Anforderung zu behandeln.
Anerkennung
Die Gruppe ist eine akkreditierte Organisation des Europäischen Solidaritätskorps (European Solidarity Corps — Quality Label, Organisationscode E10435833, Verordnung (EU) 2021/888) und ist bei SNPC Volontariato sowie der Koordinierungsstelle FE.PI.VOL. angeschlossen.
Kontakt. Gruppe der Zivilschutz-Freiwilligen von Genzano di Roma — Via Sicilia 13-15, 00045 Genzano di Roma (RM), Italien · segreteria@protezionecivilegenzano.it · www.protezionecivilegenzano.it
Wir teilen unseren Ansatz und unsere Materialien gerne mit anderen Zivilschutzorganisationen und Fachleuten der Katastrophenvorsorge.
